trulshik rinpochE

Einleitung

Kyabje Trulshik Rinpoche galt als einer der grössten spirituellen Meister des 20. Jahrhunderts.

1924 in Tibet geboren, wurde er als Reinkarnation seines Vorgängers Trulshik Donga Lingpa anerkannt und als 4-Jähriger ins Kloster von Dzarong Phu inthronisiert.

In jenem Kloster, das höchstgelegene im Tibet am Fusse der Nordseite des Mont Everests, wurden Kyabje Trulshik Rinpoche die traditionellen und spirituellen Lehren seines Meisters Dzatrul Rinpoche gelehrt. Dort lebte er bis 1959 – das Jahr seines Exils in Nepal.

Nach einer 7-jährigen inneren Einkehr in einer Grotte gründete er das Kloster Thubten Chöling auf der nepalesischen Seite des Mont Everests.

Nach ca. 30 Jahren, in denen er zurückgezogen von der Welt lebte, besuchte Kyabje Trulshik Rinpoche mehrere asiatische, europäische und amerikanische Länder, um sein spirituelles Erbe weiterzugeben und dem Wunsch seiner Heiligkeit Dalai Lama nachzugehen. Das gab tausenden von Mensch – sensibilisiert von seinem Mitgefühlt – die Möglichkeit ihn zu treffen.

Im Bewusstsein, dass seine Kräfte langsam schwindeten, vertraute er seinem persönlichen Arzt an, dass nun der Moment gekommen sei, die Inkarnation zu wechseln.

Im September 2011 verliess Kyabje Trulshik Rinpoche in Meditation das irdische Leben.


KYABJé TRULSHIK RINPOCHE (1924-2011)

Die Erinnerung an Kyabje Trulshik Rinpoche erfüllt uns mit grosser Dankbarkeit. Er war einer der letzten grossen Meister, der eine vollständige Ausbildung in der Lehre und Ausübung (Praktik) der tibetisch-buddhistischen Tradition erhalten hat und das aussergewöhnliche kulturelle Umfeld im Tibet vor der Invasion der kommunistischen Regierung Chinas erleben durfte. Als engster Schüler einiger der grössten buddhistischen Meister seiner Zeit, wie Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche und Kyabje Dudjom Rinpoche, war er zugleich einer der Meister, dem seine Heiligkeit Dalai Lama grossen Respekt entgegenbrachte, der Vertreter einer der bedeutendsten klösterlichen Linie und Erbe einer Vielzahl wertvoller Instruktionen und Überlieferungen.

Kyabje Trulshik Rinpoche, Ngawang Tcheukyi Lodreu, war die Reinkarnation von Shadeou Trulshik aus Dzarong und zugleich eine Manifestation von Vajrapani und Mañjusri. Indem er nacheinander zahlreiche Formen annimmt, setzt er sich seit der Buddha-Epoche für das Gute der Lebewesen ein.


Thangka repräsentiert Kyabje Trulshik Rinpoches Leben

 In Indien war er:

  • Ananda – Cousin und Buddhas Schüler
  • der grosse Meister Aryadeva
  • Theunmi Sambhota – Priester des Königs Songtsen Gampo und Autor der dreissig Strophen und des Wegweisers der Zeichen (rtags kyi ‘jug pa), diese waren die ersten tibetischen Grammatiktexte
  • der grosse Priester Santarakshita
  • der grosse Übersetzer Vairotsana

In Nepal war er:

  •  Phamthingpa Vagisvarakirti (Ngawang Trakpa)

In Tibet war er:

  • Retchungpa – enger Schüler von Milarepa
  • Mélong Dorjé
  • der allwissende Longchenpa
  • der grosse Vollender Lekyi Dorje von Lhodrak
  • Shadeou Trulshik Kunga Rintchen

Diese soeben aufgeführten Namen zeigen nur einige von Kyabje Trulshik Rinpoches früheren Leben auf. Es gilt stets im Hinterkopf zu behalten, dass die wahre Dimension der Aktivitäten eines erleuchteten Menschen, unvorstellbar ist. Rinpoches Vater, Tenzin Tcheudar, gehörte zu einer Familie, dessen Stammbaum bis zum indischen Clan der Licchavi reichte. Der Clan wurde von der Beschützerin Palden Lhamo – als Bär verkleidet – nach Lateu (Tibet) geführt. Seine Mutter, Jamyan Wangmo, stammte von der Familie Eunre Dharma Sengue ab, Neffe des Tsangpa Gyarepa, Gründer der Droukpa-Kagyu-Schule. Jene Familie lebte noch im alten Haus von Eunre in Nakartse in der Nähe des Yamdrok Taklung Sees, im unteren Teil der Region Tsang. An jenem Ort in einer Grotte oberhalb des Familienhauses, in welchem Kyabje Truslhik Rinpoche geboren war, praktizierte Eurne am zehnten Tag des neunten Monats im Jahr der Holz-Ratte (6. November 1924), während sich am Himmel und auf Erden zahlreiche wundersame Zeichen offenbarten.


DZARONG DO NGA CHÖLING

Im Alter von 4 Jahren begab sich Kyabje Trulshik Rinpoche auf die Bitte von Dzatrul Rinpoche (Ngawang Tenzin Norbu), ein enger Schüler seines Vorgängers Trulshik Donga Lingpa, ebenfalls bekannt unter dem Namen Thandeou Kunzang Hongdreul Dorje, nach Dzarong Phou in den Bezirk Shelkar der Region Lateu. An diesem Ort erinnerte er sich spontan an Ereignisse aus seinem vorherigen Leben und beschrieb diese, zu Dzatrul Rinpoches grossen Überraschung, der selbst davon Zeuge war, bis ins Detail. Überzeugt, dass dieser junge Knabe ohne jeden Zweifel die Reinkarnation von Trulshik Donga Lingpa ist, anerkannte und inthronisierte ihn Dzatrul Rinpoche ganz offiziell und leitete ihn als seinen Wurzelguru und lehrte diesem alles, was ihm sein Vorgänger beigebracht hatte.

 

Kyabje Trulshik Rinpoche absolvierte lange Ausbildungen im berühmten Kloster Mindreul Ling, wo man sich der Lehre der Traditionen alter Übersetzungen widmete. Dort erhielt er von seinen beiden Tutoren Trikhen Chung Rinpoche und Minling Khenchen Khyentse Norbu Rinpoche seine klösterliche Priesterweihe nach der Vinaya-Tradition, die auf Lachen Gongpa Rabsel zurückführt. Von jenem Moment an war er einer der Hauptlehrer dieser klösterlichen Ordinationslinie und berühmt für seine makellose Disziplin.


Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche und Kyabje Trulshik Rinpoche

Kyabje Trulshik Rinpoche erhielt von über dreissig wichtigen Meistern, wie dem berühmten Yogini Shouksep Jestsun Rinpoche, Minling Dodzin Rinpoche, Kyabje Dudjom Rinpoche oder Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche, intensive Unterweisungen in den Sutras und Tantras sowie anderen traditionellen Disziplinen der Nyingma-Tradition und praktizierte diese intensiv. Die Guelougpa-Tradition studierte er bei grossen Meistern wie dem T Lhundroup Tseundru Rinpoche aus Ganden, Phurchok Jamgueun Rinpoche, Gendun Tashi Rinpoche de Drepoung, Inhaber des Throns von Ganden, Ling Rinpoche, seiner Heiligkeit Dalai Lama Tenzin Gyatso wie auch sein stellvertretender Tutor Serkong Rinpoche. Kyabje Trushik Rinpoche erhielt Unterricht von Sakya Drolma Podrang Rinpoche, Phuntsok Podrang Dakchen Rinpoche, Ngor Luding Khenchen Jamyang Tenpai Nyima Rinpoche und hauptsächlich vom grossen nicht-sektiererischen Meister Dzongsar Khyentse Rinpoche Tcheukyi Lodreu.

Kyabje Trulshik Rinpoche gab sich nicht nur mit der Lehre zufrieden, sondern praktizierte diese auch. Er begab sich mehrmals in eine 3-jährige innere Einkehr und investierte ansonsten seine ganze ihm zur Verfügung stehende Zeit ins Praktizieren der Lehren. In seinem Leben verbrachte er mindestens 60 Jahre in innerer Einkehr.
 
Auf Rat des Konsils Dzatrul Rinpoche übernahm er die Leitung des Klosters Khenpo in Dzarong Dongak Chöling, wo er die Lehren weiterführte und bewahrte. Jährlich leitete er seine Schüler, Mönche, Nonnen und Laien, anlässlich einer saisonalen inneren Einkehr in Tibet und danach auch Nepal, in seinem Kloster Thubten Chöling in der Praktik der Vorbereitung des Zyklus des Grossen Mitfühlenden (jo bo thgs rje chen po), der fünf Spitzen (gzer lnga) der Tradition der Schätze des Nordens und der 37 Praktiken der Bodhisattvas an, wie sie Dzatrul Rinpoche basierend auf Gyalse Thogmes Texten zusammengestellt hatte.

In den 50er-Jahren, als Tibet erobert wurde, flüchtete Kyabje Trulshik Rinpoche nach Nepal. Dort gründete er in der isolierten Region Solu Khumbu am Fusse des Everests ein Kloster. Dieses Kloster wurde zu seinem Hauptsitz, dort kümmerte er sich um eine wichtige Mönchs- und Nonnengemeinschaft und praktizierende Laien.


DALAI LAMA UND TRULSHIK RINPOCHé

Mit 38 Jahren erhält Kyabje Trulshik Rinpoche von Kyabje Dudjom Rinpoche in Kalimpong (im Nordwesten Indiens) die Einweihungen, die Weitergaben und Erklärungen des Nyingma Khamas. Zudem nahm er die Rolle des Schutzpatron der Organisation dieser Lehre ein. In dieser Zeit traf er Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche zum ersten Mal. Die erste Lehre, die er anstelle der initialen Verbindung erhielt, war der Kommentar eines Briefes an einen Freund aus Nagarjuna. Kyabje Dilgo Khyense Rinpoche übergab ihm ebenfalls nach Nyaks Tradition (nyag lugs phur ba) Kilayas Zyklus, ein wertvoller spiritueller Schatz, den er selbst wiederentdeckt hat.

Kyabje Trulshik Rinpoche betrachtete Kyabje Dilgo Khyense Rinpoche als seinen obersten Meister für die endgültigen Lehren und wird zu einem seiner engsten Schüler. Auch wenn dieser Lehren von Kyabje Dilgo Khyense Rinpoche erhielt, gab Kyabje Trulshik Rinpoche diesem gewisse seltenen Lehren, die er besass, weiter. Diese einzigartige Beziehung zwischen Meister und Schüler sowie der Austausch von Lehren lässt sich am besten mit dem traditionellen Bild «wie man den Inhalt einer Vase in die andere transferiert» beschrieben . Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche gab Kyabje Trulshik Rinpoche eine Vielzahl an Wegleitungen weiter, im Speziellen die ganze Sammlung der Schatz-Anweisungen (gdams ngag mdzod) sowie andere Sammlungen wichtiger Lektionen. Kyabje Trulshik Rinpoche wird zum offiziellen Besitzer von Kaybje Dilgo Khyentse Rinpoches Werken sowie einer seiner engsten und wichtigsten Schüler. Er wird später auch damit beauftragt seine Reinkarnation zu identifizieren und inthronisieren.

Lange vor dem Übergang ins Parinirvana übergab Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche seiner Heiligkeit Dalai Lama eine Serie wichtiger Lehren der Nyingma-Tradition, dabei handelte es sich um die Haupttexte dreier Bereiche der inneren Tantra: Maha, Anu und Ati. Die Ehre, das Verbliebene dieser Lehre weiterzugeben, kam Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche zu. Dieser fuhr fort, seiner Heiligkeit die Einweihungen und Lehren zu vermitteln, vor allem jene der «ausgezeichneten Vase», die Wünsche erfüllt (sgrub thabs ‘dod ‘jo’i bum bzang), die Minling Tertchen Rinpoche (dieser hatte bereits die Lehrern der Nyingma-Tradition dem grossen Dalai Lama der V. übermittelt) zusammengestellt hat und die Hauptwerke der Longchen Ragjampa wie die drei Zyklen des Ausruhens (ngal gso ‘kor gsum), die Sieben Schätze (mdzod bdun) und die Vier Quintessenzen des Herzens (snying thig ya bzhi). Zusätzlich zu diesen grossartigen Texten der Nyingma-Tradition war Trulshik Rinpoche auch der einzige Inhaber bestimmter Guelupa-Lehrern, die er seiner Heiligkeit weitergab.

Kyabje Trulshik Rinpoche unterrichtete auch zahlreiche andere grosse Meister wie seine Heiligkeit Sakya Trinzin. In seinem Kloster Thubten Chöling übergab er Gyalwang Drukpa die Sammlung der kostbaren Schätze (rin chen gter mdzod) und im Kloster Shechen in Nepal übergab er Dilgo Khyentse Yangsi Rinpoche, Dudjom Yangsi Rinpoche und anderen Inhabern der Linien des tibetischen Buddhismus mehrere wichtige Sammlungen wie der Schatz der Anweisungen, das Kahma Nyingma und die Vier Quintessenzen des Herzens (snying thig ya bzhi).

Er sorgte weiter für die Bewahrung und Verbreitung der buddhistischen Lehren und Praktiken, indem er in seinen letzten Lebensjahren zahlreiche Länder bereiste. Viele Lamas betrachteten ihn als einzigartige Figur mit Vorbildcharakter für seine Gelehrsamkeit, seine Integrität, seine Authentizität, seine entwaffnende Einfachheit und vor allem für seine Erfahrung sowie tiefe Erkenntnis, die bis heute unerreicht bleibt.

Mehrmals durchquerte Kyabje Trulshik Rinpoche Asien und reiste dabei durch Japan, Thailand und Malaysia und besuchte die USA. Zahlreiche Reisen führten ihn nach Europa, wo er in der Schweiz, Spanien, Portugal, Grossbritannien, Finnland, Belgien und Holland lehrte.


Das kloster THUBTEN CHÖLING 1994

Auch als Kyabje Trulshik Rinpoche über 80 Jahre alt war, setzte er sich noch für das Wohlbefinden der Menschen ein und ermutigte alle, die ihn trafen und begegnete diesen mit unglaublicher Energie und unglaublichem Enthusiasmus. Trotz gesundheitlicher Probleme unterrichtete er in seinen letzten Lebensjahren Schüler in Asien und Europa und wohnte weiterhin in seinem Kloster Thubten Chöling, um die Gemeinschaft der Mönche, Nonnen und Exerzitien zu leiten.

Oberhalb von Sitapaila, etwas ausserhalb von Kathmandu, erstellte er das Kloster Dzarong Mindreul Thubten Dongak Chöling und leitete die Zeremonien der verschiedenen Bauetappen selbst wie: die Einweihung des Bodens, die Platzierung bestimmter Vasen, Statuen, Diagramme und Mantras in den Säulen sowie der Balken des Haupttempels usw. Immer wieder hat er darauf hingewiesen, dass dieses Kloster dabei helfen solle, die Hindernisse dieser Welt wegzuschaffen, vor allem jene der Völker im Himalayagebiet. Dies erklärt auch die Wahl der aussergewöhnlichen Lage, von wo aus man die drei wichtigsten Stupas des Kathmandutals sieht: Swayambhunath, Namo Bouddha und Boudhanath. Der Hügel, auf dem das Kloster gebaut wurde, dominiert das ganze Tal und ist mit dem Buddha Vairocana verbunden; jenes von Swayambhunath (in der Nähe) ist mit dem Vajrasattva verbunden; jenes, welches das Kloster von Tergar überragt, ist mit dem Ratnasambhava verbunden; jenes, welches sich hinten befindet, ist mit jenem in Amithaba verbunden und der hohe bewaldete Hügel von Nagarjuna im Norden ist mit Amogasiddhi verbunden.

Gleich oberhalb des Klosters in seiner Residenz Phagmai Gatsal (Der Garten der noblen Tara) tritt Rinpoche am 2. September 2011 im Alter von 87 Jahren ins Parinirvana über.

Alle diejenigen, die eine Verbindung zum grossen Meister aufbauen, die ihn lebend oder erst nach seinem Tod treffen, werden bis zur Erleuchtung von ihm gelenkt. Aus diesem Grund ist es äusserst wichtig, ihm unsere Gebete zu widmen und unseren Geist mit seinem zu vereinen. Diese Gebete und Praktiken sollen nicht Kyabje Trulshik Rinpoche helfen, sondern uns, damit wir weiterhin von seiner Wirksamkeit profitieren können.

Kyabje Trulshik Rinpoche ist ein vollendetes Wesen, das sich durch Mitgefühl auf dieser Erde manifestiert hat, um uns zu führen, bis unser Geist mit seinem wachen Geist eins wird.


Er betonte stets, dass seine Hauptübung von Santidevas berühmten Strophe inspiriert war:

Solange Raum existiert,

Solange wird es Lebewesen geben,

Solange darf ich auch bleiben,

Um den Schmerz der Welt zu vertreiben.


Da wir wissen, dass diese Verse sein Hauptgebet darstellten, können wir sicher sein, dass er bald zu uns zurückkehren wird, um seine erhabene Arbeit zum Wohle aller fortzusetzen.

Dieser kurze Text stammt aus Kyabje Trulshik Rinpoches Biographie und wurde von seinem Neffen und Hauptassistenten Kousho Ngawang Tsephel verfasst und von Jigme Khyentse Rinpoche und Pema Wangyal Rinpoche im September 2001 überarbeitet und aktualisiert. Übersetzt wurde der Text vom Komitee der Padmakara-Übersetzungen.